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Wer ernten will, muss säen

Stahlbetonbauer/-in, Lokführer/-in, Bäcker/-in – laut Medienberichten sind einige Berufe für junge Menschen inzwischen so unattraktiv, dass sich die Zahl der Lehrlinge in Teilen halbiert hat. Auch Textilunternehmen und -verbände müssen sich einiges einfallen lassen, um textile Ausbildungsberufe vor dem Museum zu bewahren.

Eine Liste des Bundesinstituts für Berufsbildung (BBI) mit den im Jahr 2016 abgeschlossenen Ausbildungsverträgen offenbart den tristen Zustand der deutschen Textilausbildung: „Die Liste führt insgesamt 320 Berufe; 80 Prozent aller Auszubildenden entfallen auf die Top 50, darunter Verkäufer/-innen und Friseure/-innen. Der erste reine Textilberuf taucht auf Rang 180 auf: Produktionsmechaniker/-in Textil. Nur 147 von über 511.600 Azubis konnten sich dafür erwärmen“, sagt Zukunftslotse Thomas Strobel, der die BBI-Liste aus textiler Sicht ausgewertet hat. Zum Vergleich: Für den Spitzenreiter Kaufmann/-frau für Büromanagement entschieden sich über 28.600 Azubis. Strobel, der mehrere Zukunftsprojekte mit Firmen und Verbänden der Textilbranche geleitet hat, sieht das Kernproblem im „Bild der sterbenden Textilindustrie“.

BBI-Liste - Quell: Fenwis

BBI-Liste – Quelle: Fenwis

Totgesagte „weben“ länger
Das Image klebt an der Branche, seit der Strukturwandel als Folge der Globalisierung fast alle hiesigen Produktionsfäden abriss; die Textilherstellung folgte den günstigeren Produktionsbedingungen gen Asien. Seitdem wurde es in der öffentlichen Wahrnehmung still um Faden und Garn. Doch Totgesagte „weben“ länger. Inzwischen hat sich die Branche berappelt, produziert neben Bekleidung und Heimtextilien auch technische Textilien, die mit funktionalen Eigenschaften punkten – und mit steigenden Wachstumsraten: Laut Branchenverbänden machen technische Textilien bereits 40 bis 50 Prozent des Umsatzes aus. Wichtige Abnehmer sind Luft- und Raumfahrt, Automobil- und Sportindustrie, Medizin und Bau. Nicht unsexy.

Das findet auch Nadja Krautter, Kommunikationsmanagerin bei der AMANN Group, einem führenden Hersteller von Industrienäh- und Stickgarnen aus Baden-Württemberg. „Wenn junge Leute ‚Nähfaden‘ hören, rollen sie mit den Augen, bis wir ihnen zeigen, wo unsere Fäden überall zum Einsatz kommen: nicht nur in Bekleidung, sondern auch in Hitzeschutzanzügen, Autos und Flugzeugen.“ Bei AMANN bemühe man sich intensiv um den textilen Nachwuchs. „Wir arbeiten eng mit Schulen und regionalen Verbänden zusammen, sind außerdem auf vielen Ausbildungsmessen vertreten“, so Krautter. Ziel sei, den Azubis interessante Perspektiven zu bieten. Dazu gehöre auch die internationale Ausrichtung der Ausbildung – die Produktionsstandorte Rumänien, Tschechien und England sind inzwischen beliebte „Ausflugsziele“ für den AMANN-Nachwuchs. Das kommt offenbar an: Laut Krautter bleiben nahezu 100 Prozent der Azubis dem Unternehmen treu.

Gewerblich-technische Berufsausbildung stärken
Bundesweit indes sind vor allem die gewerblich-technischen Berufsausbildungen, darunter Textil- und Modeschneider/-in, Produktveredler/-in und Textilreiniger/-in, enorm ausgefranst. „Die Berufsschulen haben seit den 1980er Jahren kaum in textile Ausbildungsberufe investiert“, sagt Detlef Braun, Projektleiter der Textilakademie NRW. Es fehle bis heute an Praxislehrern, Materialien und Maschinen für den textilen Nachwuchs. Die Textilverbände und -unternehmen Nordrhein-Westfalens, wo fast ein Drittel des textilen Branchenumsatzes erwirtschaftet wird, bauen deshalb gerade die Textilakademie NRW auf. In der privaten Berufsschule soll künftig die gewerblich-technische Berufsausbildung der Branche für ganz Nordwestdeutschland konzentriert werden. Offenbar höchste Eisenbahn. „Es gibt deutschlandweit nur noch etwa 20 Produktprüfer/-innen Textil“, so Braun.

Textilakademie - Quelle Textilakademie NRW & sop architekten

Textilakademie – Quelle Textilakademie NRW & sop architekten

Ähnlich erschreckend sind die Zahlen bei textilen Produktgestaltern/-innen, Stellenplatz in der BBI-Liste: 294 (von 320); nur sechs Lehrlinge haben 2016 diesen Beruf erlernt. Dabei ist die Branche gerade jetzt auf frische Ideen angewiesen. „Textile Produkte sind nicht mehr nur das, was sie vor 30 Jahren waren; wir sprechen heute von Flugzeugtragflächen, Rotorblättern von Windkraftanlagen, Brücken, Autobauteilen – da benötigen wir für neue Designs und Ideen künftig viele exzellente Leute“, sagt Braun. Die aber müssten erst einmal davon erfahren. „Branchenvertreter müssen dem Image der ‚sterbenden Textilindustrie‘ dringend die textilen Chancen von morgen entgegensetzen und mehr über die Vielfalt textiler Zukunftspotenziale in den verschiedenen Anwendungsfeldern informieren“, mahnt Zukunftslotse Strobel.

Ronny Eckert

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