Dr. Fabian Schreiber - Source: Digihub & Paint the Town

Von der LAN-Party zur Textilforschung

Fabian Schreiber ist 23, als er 2003 seine erste Firma gründet. Zunächst veranstaltet er Netzwerkpartys und organisiert PC-Seminare für Senioren. Beides könnte ihm bei seiner künftigen Tätigkeit als Leiter eines Textilforschungsinstituts helfen. Ein Gespräch über die schleppende Digitalisierung in der Textilbranche, mehr Mut zum Wandel und Spider-Man.

Herr Dr. Schreiber, Sie haben in jungen Jahren die Firma Gemini Business Solutions gegründet. Was war Ihr Antrieb und was macht das Unternehmen?

Es war schon früh ein Traum von meinem Zwillingsbruder und mir, Dinge zu gestalten. Deshalb haben wir Gemini gegründet. Zunächst organisierten wir LAN-Partys und Computerseminare für ältere Menschen, später kam die Medizintechnik dazu: Gemini ist EU-Repräsentant für US-amerikanische Hersteller, führt deren Produkte in Europa ein und vertreibt sie. Bis heute ist das eines der Hauptgeschäftsfelder, und es wächst nach wie vor.

Später gründeten sie die ARK Industrie AG, einen Automatisierungsdienstleister mit Spezialisierung auf die digitale Transformation textiler Firmen. Wie erleben Sie das Aufeinandertreffen von Digitalisierung und Traditionsbranche?

Als die ARK 2014 ihren Betrieb aufnahm, waren Digitalisierung und Industrie 4.0 noch relativ neue Themen. Entsprechend langsam haben die eher vorsichtigen Textiler darauf reagiert. Auch wenn viele Geschäftsführer das Potential erkannt haben dürften, haben sie oft abgewartet, was sich in anderen Branchen tut. Das hat sich inzwischen gewandelt.

Also ist die Textilbranche auf einem guten, digitalen Automatisierungsweg?

Die Automatisierung ist ja schon länger im Gange, und gerade größere Textilunternehmen sind da auch schon gut dabei. Aber kleine und mittlere Firmen automatisieren bisher zu sporadisch. Bei der Digitalisierung hingegen sehe ich weniger Unterschiede zwischen großen und kleinen Unternehmen. Hier unterscheiden sich eher die Schwerpunkte: Während große Unternehmen die Vernetzung der Produktion und des Sales-Bereichs vorantreiben, setzten kleinere Firmen konkrete Digitalisierungsprojekte um und lösen damit einzelne Aufgaben im Betrieb.

Wo sehen Sie digitalen Nachholbedarf?

Die größte Herausforderung bei der Digitalisierung besteht darin, zukunftsfähige Geschäftsmodelle zu entwickeln. Derzeit kümmern sich viele Textilfirmen zu wenig um die Modernisierung ihrer Vertriebskanäle und einen zeitgemäßen Online-Handel. Es muss ja nicht immer alles über Amazon laufen. Der Einzelhandel und die Medizintechnik sind da schon weiter. Beide Branchen haben in jüngster Zeit neue Vertriebswege erschlossen, um gegenüber großen Handelshäusern konkurrenzfähig zu sein. Einige Medizintechnikfirmen haben die üblichen Vertriebswege komplett umgekrempelt. So ein Potential sehe ich auch für die Textilindustrie, denn dort sind viele Firmen hoch spezialisierte Marktführer in Nischen.

oSmarter Spider-Man: Auch die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft setzt auf smart-textile Anzugfunktionen wie die automatische Körperanpassung, GPS-Navigation und – wer träumt nicht davon – Netzflügel, um durch die Luft zu gleiten / Canaros über Pixaby

Smarter Spider-Man: Auch die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft setzt auf smart-textile Anzugfunktionen wie die automatische Körperanpassung, GPS-Navigation und – wer träumt nicht davon – Netzflügel, um durch die Luft zu gleiten / Canaros über Pixaby

Tun sich die Textiler allgemein schwerer mit der Digitalisierung als andere Branchen?

Absolut. Aus meiner Sicht aus zwei Gründen: Zum einen ist die Branche sehr konservativ geprägt und eher vorsichtig; zum anderen tut sie sich schwer, mit anderen Unternehmen aus der eigenen Branche oder dem Dienstleistungssektor zusammenzuarbeiten. Es gibt da oft eine große Angst, dass das eigene Spezialwissen abhandenkommt. Ich sehe aber gerade in textilen Kooperationen große Chancen. Würden sich die deutschen oder gar die europäischen Textilfirmen zusammentun, und ich meine sowohl den Maschinenbau als auch die Produzenten, hätten sie eine enorm starke Position gegenüber der Konkurrenz außerhalb der EU.

Wie sähe Ihre Vision einer optimal aufgestellten Textilindustrie 4.0 im Jahr 2030 aus?

Die europäischen Textilmaschinenbauer haben sich zusammengetan und einen Kommunikationsstandard für eine vernetzte, maschinenunabhängige Produktion entwickelt. Nun können alle Unternehmen entlang der gesamten textilen Kette schlüsselfertige Halbzeuge für Zukunftsbranchen wie Mobilität, Medizin und Bau anbieten. Spezialisierte Makler verkaufen über Softwareplattformen – ähnlich wie bei Handwerkern und Immobilien – Komplettlösungen mit Lieferdatum, Preis, Produktinfos usw. Auch die smarten Textilien haben 2030 ihren endgültigen Durchbruch und Kleidung kommuniziert wie selbstverständlich mit elektronischen Geräten.

Sie waren fast zwei Jahre lang Leiter der Nachwuchsforschungsgruppe „SozioTex“ am Institut für Textiltechnik der RWTH Aachen University. Dort ging es vor allem um die Entwicklung von Innovationen für die Mensch-Maschine-Interaktion. Was ist dabei entstanden?

Ich habe mit einem tollen Team ein Assistenzsystem bis zum Prototypen entwickelt, das ältere Menschen an die digitale Technik im Textilbereich heranführen soll. Das System kommuniziert mit Textilmaschinen, visualisiert Daten und gibt Schritt für Schritt Bedienungsanweisungen. Jüngere Mitarbeiter profitieren ebenfalls davon, denn auch Unerfahrene können damit die Maschinen direkt bedienen.

Seit Anfang des Jahres sind Sie neuer Direktor des Textilforschungsinstituts Thüringen-Voigtland (TITV Greiz). Ein Generationenwechsel?

Ich folge mit Dr. Möhring auf einen herausragenden Vorgänger, der das Institut in nahezu 20 Jahren gemeinsam mit exzellenten Mitarbeitern sehr gut positioniert hat. Vor allem das Forschungsprofil bei den smarten Textilien wurde immens geschärft. Dr. Möhring war etwa so alt wie ich heute, als er die Position übernommen hat. Ich wäre stolz, würde man in 20 Jahren mit Blick auf meine Tätigkeit am Institut auf vergleichbare Impulse und Erfolge zurückblicken.

Welche inhaltlichen Prioritäten wollen Sie setzen?

Ich halte die aktuellen Schwerpunkte „Smart Textiles“ und deren Prüfung für gut gewählt. Natürlich möchte ich angesichts des technologischen Wandels meine langjährigen Erfahrungen in den Bereichen Digitalisierung, Automatisierung und digitale Geschäftsmodelle mit einbringen.

Oft heißt es, die deutsche Textilforschung sei internationale Spitze. Ist das tatsächlich so? Warum hört und liest man so wenig von textilen Innovationen?

Ja, die hiesige Textilforschung nimmt nach wie vor eine internationale Spitzenposition ein. Richtig ist aber auch: Andere Nationen holen rasant auf, nicht zuletzt China. Und ja, die Branche und speziell die Textilforschung tun sich schwer damit, Innovationen medienwirksam zu präsentieren. Oft stehen Anwenderbranchen wie Automobil, Luftfahrt und Medizin als Innovatoren im Rampenlicht, wenn im Kern eigentlich über textile Neuheiten berichtet wird. Hier könnte die Branche noch mehr am Branding der eigenen Produkte und Forschungsergebnisse arbeiten.

Worauf muss sich die Textilindustrie Ihrer Ansicht nach in den kommenden Jahren einstellen, um ihre Wettbewerbsposition zu behaupten?

Vor allem der Fachkräftemangel dürfte sich weiter verschärfen, gerade in der Produktion. Maschinenführer zum Beispiel werden händeringend gesucht. Hier könnte die Forschung helfen, etwa mit mobilen Applikationen oder Kleidung mit Hilfsfunktionen, damit ein Maschinenführer mehrere Textilmaschinen parallel bedienen kann. Die Digitalisierung wird ein Schlüsselfaktor bleiben, den Textilfirmen nutzen sollten, um Deutschland als Produktionsstandort zu erhalten und weiter zu profilieren.

Gibt es textile Meilensteine aus den letzten Jahren, die Sie beeindruckt haben?

Ich staune jedes Mal, wenn ich mit einem Airbus A380 fliege und mir vorstelle, wie viel Textiltechnologie darin steckt. Als Superhelden- und Science-Fiction-Fan bin ich von smarten und funktionalisierten Textilien fasziniert – Funktionen wie solche im Anzug von Spider-Man gibt es ja in ähnlicher Weise inzwischen schon in modernen Feuerwehranzügen.

Herr Schreiber, vielen Dank für das Gespräch.

 

Titelbild: Dr. Fabian Schreiber, neuer Direktor des Textilforschungsinstituts Thüringen-Vogtland in Greiz / Digihub/Paint the Town

Ronny Eckert

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