Facade (Source: ECE

Textilfassade schnappt Schadstoffe aus der Luft

Zahlreiche Studien belegen: Stickoxide sind schädlich für Mensch und Natur. Als Hauptverursacher gilt vor allem der Straßenverkehr. Ein Architekt aus Aachen will den Luftschadstoff Nummer eins nun mit beschichteten Fasern aus der Luft fangen.

Jan Serode ist gerade in der Sieben-Millionen-Metropole Santiago de Chile, in der wegen hoher Schadstoffkonzentrationen auch schon mal der Umweltnotstand ausgerufen wird, als ihm ein sauberer Gedanke kommt: Könnte man nicht Gebäudefassaden gegen Luftverschmutzung und für den Umweltschutz einspannen? Während seines Architekturstudiums an der TU Berlin hatte Serode eine Vielzahl von Material-Klassikern des Gebäudebaus analysiert: Stein, Stahl, Beton, Glas und Holz. „Mich interessieren aber eher Textilien als innovatives Baumaterial“, sagt er. Seit 2016 forscht der heute 34-Jährige deshalb an der RWTH Aachen daran, wie sich Textilien in der Architektur für den Umwelt- und Gesundheitsschutz nutzbar machen lassen und Gebäuden zugleich ein modernes Design verleihen.

Jan Serode - Quelle: Jan Serode

Architekt mit Textil-Vorliebe: Jan Serode will auch bei künftigen Bauprojekten die Themen Energie, Design und Umwelt mit textilen Materialien verknüpfen / Quelle: Andreas Koch

Beschichtung mit Biss
Luftige Faserverhüllungen sind für renommierte Architekten schon länger eine Leichtbauspielwiese, auf der immer neue Blickfänger emporschießen. Doktorand Serode will mit einer licht- und sichtdurchlässigen Anti-NOx-Textilfassade in Hamburg nun beweisen, dass Fasern auch über ihre Eyecatcher-Optik hinaus Potential haben. NOx ist die chemische Formel für Stickoxide, die nicht nur in der Hansestadt reichlich durch die Luft schwirren. Angebracht an einem Bürogebäude des Projektpartners ECE Europa Bau- und Projektmanagement, schnappt sich die von Serode entworfene neuartige Fassade aus Polyester seit Anfang Februar die Stickoxide aus der hanseatischen Stadtluft und bindet sie an sich. Möglich macht das eine Beschichtung aus Nanotitanoxid. Sie wandelt die unsichtbaren Schadstoffe in unschädliche Salze um, die der Regen dann in die Kanalisation spült. „Absolut unbedenklich“, sagt Serode. Das Gegenteil sei der Fall: Das mit den Salzen versetzte Wasser ließe sich theoretisch sogar auffangen, um damit Pflanzen zu düngen.

Beschichtung - Quelle Andreas Koch

Wandel durch Annäherung: Die Fassadenbeschichtung aus Nanotitanoxid verwandelt die gesundheitsschädlichen Stickoxide in unschädliche Salze / Quelle: Jan Serode

Textile Luftpolsterung
Neben der Luftreinigung soll die Fassade, die mit Sensoren auf ihre Säuberungseffizienz überwacht wird, auch als außenliegender Sonnenschutz fungieren. „Das Kühlen von Innenräumen verursacht enorme Energiekosten, denn Materialien wie Beton und Glas heizen sich schnell auf“, erläutert Serode. Eine vorgehängte Textilfassade hingegen funktioniere wie eine Art Luftpolster, ähnlich der Wellpappe beim heißen Kaffeebecher. „Unsere Studien zeigen, dass wir mit der Textilfassade bis zu 78 Prozent der solaren Kühllasten im Sommer reduzieren können“, benennt der Umweltarchitekt den energetischen Effekt des Fassadensystems.

Forschung unter augenärztlicher Kontrolle
Laut Serode wenden Skeptiker textiler Fassaden oft ein, deren Gitterstruktur würde Lichteinfall und Ausblick behindern. „Das stimmt aber nicht“, betont er – und lässt die Forschungsarbeiten deshalb von zwei Augenärzten begleiten. Sie prüfen, in welchem Umfang die Faserfassade die Wahrnehmung beeinflusst. Viele Leute seien überrascht, so Serode, dass sie die textile Struktur gar nicht oder nur kaum wahrnehmen würden, wenn sie aus dem Fenster schauten. Grund seien die feinen Öffnungen der Gewebestruktur und deren gleichmäßige Anordnung.

Dass der Trend zu vorgesetzten Textilfassaden anhalten wird, gilt für den Architekten als gesetzt. Er selbst arbeitet schon an weiteren Ideen, hat mit seinem Forscherteam gerade erst eine Fassadenvariante aus recycelten Kunststoffflaschen vorgestellt. Künftig sollen auch Mikrosolarzellen ins Textil eingearbeitet werden. „Das Projekt in Hamburg war unser erster Anlauf“, sagt Serode, „aber mit Textilien lassen sich noch weit mehr innovative Bau-Ideen umsetzen.“

 

Titelbild „Fassade“ (Quelle: ECE)

Ronny Eckert

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