Techtextil 2017 Yarns Foto: Neckarfreunde for Messe Frankfurt

Jetzt beginnt die Revolution im Faden

Das Revolutionäre ist gerade angesagt – vor allem in Wissenschaft und Technik. Lufttaxis sind ebenso revolutionär wie Künstliche Intelligenz, selbstfahrende Autos oder Elon Musks „Rohrpost“ für Menschen und Güter, genannt Hyperloop. Konzepte zum Plastikabfischen auf dem Meer sind es nicht minder, dito auch Überlegungen zur Besiedlung von Mond, Mars & Co. Zu den Materialien, die nicht nur als innovativ, sondern als „revolutionär“ bezeichnet werden können, gehören auch Garne und Fäden.

Kurz vor Start der Techtextil und Texprocess verweist der Garnhersteller AMANN auf seine „Smart Yarns“-Neuentwicklungen unter der Überschrift „Die Revolution des Fadens“. Intelligente Fäden zum Übertragen von Daten und Strom sollen etwa die Belastung von Bauteilen, Temperaturen oder den Feuchtigkeitsgehalt messen oder in der Medizintechnik eingesetzt werden. Was lässt sich auf der Fadenebene erwarten? Zwei Experten, eine Meinung – wenn es um Smart Textiles in ihrer höchsten Integrationsstufe auf der Ebene von Fasern und textilen Flächen geht:

Dr.-Ing. Thomas Stegmaier, Bereichsleiter Technische Textilen an den Deutschen Instituten für Textil und Faserforschung (DITF), betont, dass man bei dieser Art der Funktionsintegration erst am Anfang stehe. „In den nächsten zehn Jahren wird sich auf diesem Hightech-Feld noch wahnsinnig viel tun“. Die Anzahl entsprechender Projekte werde stark zunehmen, darunter auch jene mit Aktorik – aktive Elemente, die dem Träger von Bekleidung Kraftunterstützung geben.

Andreas Lanyi, Vizepräsident von Lunative Industries GmbH, verweist auf eine Google-Studie, wonach bis 2025 zehn Prozent der Weltbevölkerung Textilien mit integrierten smarten Sensoren tragen werden. „Weil die funktionale Steuerung in Textilien angekommen ist, werden für diese Prozesse schon in wenigen Jahren verstärkt touch-sensitive Garne statt Smartphones eingesetzt werden.“ Die Technologie werde in ihrer Größe so schrumpfen, dass die Elektronikkomponenten in das Textil bzw. Garn eingearbeitet und so zum homogenen Produkt werden.

Moderne Workwear mit oft schon fünf und sechs integrierten Funktionen / Quelle: Lunative Industries GmbH

Moderne Workwear mit oft schon fünf und sechs integrierten Funktionen / Quelle: Lunative Industries GmbH

Gerade auch im äußerst interdisziplinären Anwendungsbereich Protech – Protective Wear für den Personen- und Sachschutz – werden zunehmend intelligente und komplexe Lösungen verlangt. Die hierbei zum Einsatz kommenden Smart Textiles-Elemente sollen nicht nur möglichst selbstständig arbeiten, sondern möglichst unsichtbar, also in das Textil integriert sein..

Erkennender Schalter: Die Eschler Textil GmbH, spezialisiert auf technische Textilien mit heizenden, leuchtenden und sensorischen Eigenschaften, entwickelt textile Sensorik zur Erkennung von Feuchtigkeit und Druck weiter. Innovativer Bestandteil ist ein textiler Schalter, der erkennt, sobald eine Person das Textil berührt. Auf diese Weise lassen sich Prozesse, wie das Anschalten von Licht, in Gang setzen.

Textiles Bussystem: Bei Schiffsbränden in Häfen wird die Landfeuerwehr aktiviert, deren Einsatzkräfte vor besonderen Gefahren durch ihnen unbekannte Räumlichkeiten, den Einstieg über Luken und Stoffbelastungen beim Abbrand von unbekannten Substanzen stehen. Die ATS Elektronik GmbH und DITF-Spezialisten wollen diese Unbekannten mit einem sensorischen und aktorischen textilen Bussystem für die Echtzeitüberwachung auflösen. Bestandteil der Innovation sind eine auf dem Arm der Einsatzbekleidung integrierte Meldeaktorik für die richtungsabhängige Statusanzeige von Umgebungs- und Innentemperatur der Persönlichen Schutzausrüstung.

Neuartige Workwear-Funktionen: Als Technikpioniere entwickeln die interdisziplinär agierenden und im Textilsektor verankerten Ingenieure von Lunative derzeit im B2B-Geschäft vollkommen neue Workwear-Funktionen mit Licht und Sensorik. Sie sollen u. a. in den Bereichen Hafenwirtschaft, auf Baustellen und im Speditions- und Logistikbereich zum Einsatz kommen. Dabei geht es nicht selten um fünf, sechs verschiedene Funktionalitäten im und aus dem Textil gleichzeitig, bei der Berufs- und Arbeitsschutzbekleidung (im Bedarfsfall) leuchtet, misst, klimatisiert, informiert, kommuniziert oder Parameter übermittelt – von Mitarbeiter zu Mitarbeiter, vom Vor-Ort-Arbeiter zum Vorarbeiter oder zur Leitstelle, vom Spezialisten zur (Arbeits-)Umgebung usw.

Selbsttätig abschaltender Laserschutz für den Fall des Falles / Quelle: Protect Laserschutz GmbH

Selbsttätig abschaltender Laserschutz für den Fall des Falles / Quelle: Protect Laserschutz GmbH

Laserschutz mit proaktiver Funktion: Die PROTECT Laserschutz hat eine Schürze mit einer selbsttägig handelnden, also proaktiven Funktion entwickelt. Trifft bei der Laserbearbeitung von Werkstücken ein vielleicht unglücklich reflektierter energiestarker Strahl auf die mit einer Solarschicht versehene Schutzbekleidung, warnt das System von selbst oder schaltet sich ab. Partner in einem ZIM-geförderten Projekt war das Leibniz-IPHT in Jena.

Text: Hans-Werner Oertel

Titelbild: Neckarfreude für Messe Frankfurt

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