Quelle: Thammie Cascales on Unsplash

Apfeltaschen zum Umhängen

Äpfel kann man schälen, zerkleinern, (mit dem Pfeil) durchbohren , essen, trinken, löffeln, werfen, jonglieren, anmalen, aufhängen und, und, und. Neuerdings kann man sich das gesunde Obst auch als Apfel(leder)tasche umhängen.

Die Kulturgeschichte des Apfels ist auch eine Geschichte von Verlusten: Hades schenkte Persephone einen, um sie ans Totenreich zu binden; als Adam und Eva, ermuntert von der listigen Schlange, ein Exemplar vom Baum der Erkenntnis aßen, endete für sie eine paradiesische Zeit; Schneewittchen biss in eine – von der bösen Königin – vergiftete Apfelhälfte – und schlief sogleich wie tot. Schlechte Omen für die neuartigen Handtaschen aus Apfelleder des jungen Modelabels „nuuwai“?

„Ich empfehle, auf unsere Handtaschen genauso ein Auge zu haben wie auf solche aus Tier- oder dem bekannten Kunstleder“, sagt die Firmengründerin Svenja Detto, die mit den Taschen aus Apfelleder ein ganz persönliches Engagement verbindet: „Ich bin Veganerin, achte also neben der Ernährung darauf, generell keine Tierprodukte zu verwenden.“ Ein Fernsehbericht über aus Äpfeln hergestelltes Leder traf die junge Geschäftsführerin mitten ins „grüne Herz“: „Ich rief sofort meinen Vater an und sagte: Du musst dir was anschauen!“

Sieht aus wie echtes Leder, stammt aber zur Hälfte vom Baum: Apfelledertaschen sollen sich im Materialverhalten nur leicht von echtem Leder unterscheiden (Quelle: nuuwai)

Sieht aus wie echtes Leder, stammt aber zur Hälfte vom Baum: Apfelledertaschen sollen sich im Materialverhalten nur leicht von echtem Leder unterscheiden (Quelle: nuuwai)

Nicht ohne Grund: Papa Gunnar Detto gründete vor sechs Jahren das Taschenlabel „diboni“, mit dem er inzwischen jährlich mehr als 1 000 selbst entworfene Damenhandtaschen verkauft. „Ich war schon während des Studiums vernarrt in Taschen. Einmal habe ich das Geld eines ganzen Monats für eine ‚Mandarina Duck‘-Tasche ausgegeben“, erinnert sich der studierte Betriebswirtschaftler. Als Detto 2012 anfing Ledertaschen herzustellen, hatte er zunächst keine Ahnung, wie man das anstellt. Eines aber wusste er aus jahrzehntelanger kaufmännischer Erfahrung: Wie man eine Produktion aufbaut. „Es ist egal, was man herstellt – die Prozesse müssen stimmen“, sagt Detto, der seine Tochter beim Aufbau ihres Apfeltaschen-Labels tatkräftig unterstützte.

One apple(-purse) a day…: Svenja und Gunnar Detto präsentierten die neuen Handtaschen aus Apfelleder Anfang Juli auf der Ethical Fashion Show in Berlin (Quelle: ohne Quelle)

One apple(-purse) a day…: Svenja und Gunnar Detto präsentierten die neuen Handtaschen aus Apfelleder Anfang Juli auf der Ethical Fashion Show in Berlin (Quelle: ohne Quelle)

Leder aus Apfelresten
Was aber ist Apfelleder? Die Antwort wächst in Südtirol: Hier treiben auf einer Fläche von rund 18 400 Hektar (etwa 25 000 Fußballfelder) jährlich 60 Millionen Apfelbäume das gesunde Obst in die Hände von über 7 000 Obstbauern. Rund 950 000 Tonnen Äpfel werden jedes Jahr geerntet – zehn Prozent der europäischen Apfelernte. Der Großteil geht in die Supermärkte, doch viele Äpfel werden auch zu Saft oder Mus verarbeitet. Dabei bleiben Stengel, Fasern und Schalen übrig – der sogenannte Apfeltrester. Tiere freuen sich über die leckeren Reste, die teils auch zur Energiegewinnung verbrannt werden.

Hannes Prath aus dem italienischen Bozen, Gründer der Firma Frumat, kam dann vor einigen Jahren auf die Idee, aus den Apfelresten Leder herzustellen. Seitdem entsteht in einer Kunstlederfabrik im Industriegebiet von Florenz aus Apfelabfall Apfelleder. Dazu werden die Obstreste getrocknet und zu Pulver zerrieben, das mit einem biologischen Kunststoffersatz auf einen reißfesten Baumwollstoff aufgetragen wird. Das zunächst noch darauf befindliche Lösungsmittel wird ausgewaschen; die übrigen Bestandteile verschmelzen bei 130 Grad Celsius zum fertigen Apfelleder. Davon stecken in den Taschen von nuuwai derzeit 50 Prozent; der Rest besteht aus biologisch abbaubarem Polyurethan (PU). „Wir würden gerne nur Apfelleder verwenden, aber wir brauchen das PU für die Stabilität“, sagt Svenja Detto. Die Kunden schätzten, so Detto, dass Apfelleder von der Haptik her Tierleder sehr ähnlich sei, und dass es im Vergleich zu klassischem Kunstleder echter aussehe. Die derzeit noch nur in Schwarz erhältlichen Apfelledertaschen sollen künftig auch in Hellblau, Rosa, Aprikot und weiteren Farben an die Frau – und den Mann – gebracht werden.

Titelbild: Thammie Cascales on Unsplash

Ronny Eckert

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